Beratungspraxis

Beispiele:

Wissenschaft der Spiritualität

Anfrage:

Ich möchte gerne wissen, ob Sie die Gruppierung "Wissenschaft der Spiritualität" als Sekte einstufen?
Können Sie mir hier weiterhelfen?

Antwort:

Bei der Bewegung "Wissenschaft der Spiritualität" handelt es sich um eine sogenannte Gurubewegung. Alle Gurubewegungen aus dem hinduistischen, buddhistischen und dem Sikh-Umfeld (wie diese hier), müssen vor einem asiatischen Kultur- und Religionsverständnis gesehen und verstanden werden.
In diesen Traditionen spielt der Meister, der Guru, eine gänzlich andere Rolle, als im westlichen Kontext. Dort wird die Begegnung mit einem Guru als ein Teilabschnitt auf dem Lebensweg verstanden, in dem gewisse Lehren gemacht und ein bestimmtes Ziel der persönlichen Reifung und Entwicklung angestrebt wird. Danach wird die Gurubeziehung, welche eine sogenannte Übertragungsbindung darstellt, wieder aufgelöst.
Im westlichen Kontext sind diese Bewegungen dem westlichen Verhalten begegnet, welches aus diesen Lebensabschnittselementen oftmals eine lebenslange Treue und Verbindlichkeit gemacht hat. Viele Gurus sind dem natürlich nicht abgeneigt und allenfalls auch erlegen, weil es entsprechend ihre Allmachtsbedürfnisse stärkt. Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass zum Allmachtsbedürfnis des Gurus das Minderwertigkeitsgefühl des Adepten gehört. Und dies in seinem Zusammenspiel ist sehr gefährlich, abhängig machend und tendenziell krankhaft.

Damit ist dann auch gegeben, weshalb sich in unserem Kontext immer wieder die Frage nach Sektenhaftigkeit stellt, weil Menschen auf der Suche nicht bei sich selbst anlangen, sondern viel mehr in eine Guru-Abhängigkeit hinein geraten.

Bei Rajinder Singh ist mir von dieser Seite her nicht spezifisch ein fragwürdiger oder negativer Einfluss aufgefallen.  Allerdings habe ich schon Menschen in der Beratung gehabt, welche in dieser Bewegung durchaus krankmachende Erfahrungen machten. Nur sind diese eben hauptsächlich in der mangelnden Identität und Eigenständigkeit des entsprechenden Suchers begründet. Allerdings ist immer wieder festzustellen, dass solche Bewegungen zwar labile Menschen intensiv anziehen, dann aber kaum mit diesen richtig umgehen können. Dies würde ja eben eine therapeutische Ausbildung und Fähigkeit notwendig machen.

Was mich betreffend dieser Bewegung etwas kritisch stimmt, ist die Tatsache, dass hier eine Methode der Spiritualität und Meditation sich als "Wissenschaft" definiert. Damit wird meiner Meinung nach die tolerierbare Grenze der weltanschaulichen Beschränkung überschritten. Es ist ja so, dass wir alle unsere Vorstellungen und Bilder von Gott und der Welt haben. Sobald wir aber meinen, dies sei nun schon die Wirklichkeit, sie sei auch objektiv, als Wissenschaft darzustellen, wird die Grenze hin zu einer Ideologie überschritten. Gerade suchende, labile Menschen können darin die Fragwürdigkeit nicht mehr erkennen und versuchen dann oftmals der Ideologie der Lehre zu folgen, um zum Ziel zu gelangen. Dies kann sich verheerend auf die Persönlichkeit auswirken.

Um die Frage noch differenzierter zu beurteilen, müsste ich Ihren konkreten Fragehintergrund kennen. Ich möchte Sie nur darauf hinweisen, dass eine Beurteilung, ob etwas eine Sekte sei oder nicht, an sich kaum hilfreich ist, da der jeweilige Standpunkt immer mit einfliesst und wenn ich dann etwas als "Sekte" bezeichnet habe, das Problem ebenso wenig gelöst ist. Hinter diesem Begriff stehen unsere Ängste, unsere Projektionen - und das ist meist nicht hilfreich.

Mit freundlichem Gruss

Pfr. Martin Scheidegger

Pfr. Joachim Finger macht als Kenner der vielen Gurubewegungen des Hinduismus darauf aufmerksam, dass Rajinder Singh "Wissenschaft der Spiritualität" nicht eigentlich gegründet, sondern der alten Kirpal Ruhani Mission von Kirpal Singhs Sohn Darshan Singh einen modernen für den Westen ansprechenden Namen gegeben hat.
Pfr. Finger hat unter dem Titel "Gurus, Ashrams und der Westen" eine religionswissenschaftliche Untersuchung zu den HIntergründen der Internationalisierung des Hinduismus veröffentlicht. (Lang-Verlag, 1987, ISBN 3-8204-9874-5)



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